Das Sudelbuch ist umgezogen – und ab sofort hier zu finden.
Geprägt von Entsetzen und Sprachlosigkeit spielt das Medium der überwiegenden Beliebigkeit in 140 Zeichen eine interessante Rolle: Der Grat zwischen legitimer Informationsübermittlung und Peinlichkeit ist schmal … und schnell überschritten. Die Debatte um journalistisches Tun ist ein aktueller, aufschlussreicher Beleg für den Wandel einer Branche, die zwischen medialem Neuland und Unsicherheit im Umgang damit gestern heftigst ausgerutscht ist. Übersehen wird in diesem Zusammenhang, dass jegliche Diskussionen um journalistische Ethik meist eng gekoppelt sind an furchtbare Geschehnisse wie den Amoklauf von Winnenden und danach viel zu schnell wieder im medialen Grundrauschen verschwinden. Diesmal liegt der Schwerpunkt der Kritik auf dem hektischen Online-Gezwitscher; dabei sollte Nachdenken über journalistische, ethische Standards der Berichterstattung ein Thema sein, das sich weder einseitig an einzelnen Medienplattformen noch ausschliesslich an den Extremsituationen der Berichterstattung orientiert, obwohl die Debatte genau dann in aller Heftigkeit und mangelnden Distanz losbricht. Vieles, auch die Absurdität mancher Fernsehbeiträge, geht in dieser Aufgeregtheit unter und wäre doch mindestens ebenso der Reflexion würdig: Volle Nennung von Täternamen, Veröffentlichung ungepixelter, zum Teil privater Fotos des Täters, geschockte Teenager, die vor Kameras gezerrt werden, in ihrer Gier nach Nachrichten grenzüberschreitende Journalisten.
Bei aller berechtigten, geharnischten Kritik: Pauschales Medienbashing geht mir unglaublich auf die Nerven. Es ist undifferenziert, geprägt von Unkenntnis und diffusen Feindbildern, ist in all seiner einseitigen Aufgeregtheit überhaupt nicht hilfreich in der Debatte; die Überschrift dieses Beitrags ist übrigens ein Zitat aus einem Kommentar zu Stefan Niggemeiers Posting.
Journalisten haben die schwierige, mitunter unmögliche Aufgabe, das Unerklärbare, Unfassbare erklärbar zu machen. Das ist ihr Beruf, nicht mehr, nicht weniger. Sie sind allerdings keine hehren Übermenschen, keine Gralshüter von Ethik und Moral. Sind sie “nah dran” am Geschehen, sind sie vor allem Menschen: Entsetzt, schockiert, sprachlos; ihrem Beruf verpflichtet, auch in der eigenen Sprachlosigkeit Worte zu finden, über eigene Hilflosigkeit hinaus. Der Erklärungsversuch jenseits verdrängter und kontrollierter Betroffenheit (weil das zum Beruf des Journalisten gehört, ohne Wenn und Aber) beinhaltet jedoch immer auch die Möglichkeit des Scheiterns. Fehler im eigenen Handeln öffentlich einzugestehen (wie Jochen Wegner von Focus Online*), erfordert Mut und hat Respekt verdient. Die grundlegende und nötige Debatte über journalistische Arbeit und ihre Standards hingegen hat es nicht verdient, in Medienbashing und Pauschal(vor)urteilen zu ersticken: Sie muss mit Respekt, Intelligenz und Sachlichkeit weitergeführt werden, auch und gerade nach Winnenden und dem “Amok-Twittern“.
Blutiger Amoklauf in Winnenden: 16 Tote, der volle Name des Täters wird ohne jegliche Hemmungen getwittert. Auch wenn die twitternde Masse mit professionellem Journalismus nichts zu tun hat, dazu ein Zitat aus Pressekodex, Ziffer 8, Richtlinie 8.1:
“Richtlinie 8.1 – Nennung von Namen/Abbildungen
(1) Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz. Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen. Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.”
BILD veröffentlicht kurz darauf ein Bild des Täters. Ungepixelt, mit voller Namensnennung. Ethisch völlig daneben, rechtlich zweifelhaft obendrein. Die Profitwitterer vieler Redaktionen reagieren; zuweilen in reichlich diskussionswürdiger und -bedürftiger Form. Twitter überschlägt sich in hektischem Gezwitscher, ein großes Nachrichtenmagazin greift arg daneben: Der Account @amoklauf wird nach geharnischtem Protest wieder gelöscht, Twitter huscht hektisch zwischen Infopool und völliger Entgleisung hin und her, funktioniert zeitweilig gar als redaktioneller Liveticker der Reporter – inklusive (mittlerweile gelöschtem) Zahnbürstenkauf.
Obendrauf gibt es dann Worthülsen von Politikern, die ihre Sprachlosigkeit ob des grauenvollen Geschehens nicht etwa als schlichte Sprachlosigkeit erklären, sondern fordern “Wir müssen jetzt genau die Hintergründe und Ursachen dieser Tat aufdecken. 17 Tote, deren Angehörigen, Familien und Freunde das grauenvolle Geschehen verkraften müssen, die Lücken hinterlassen, sinnlos aus dem Leben gerissen wurden. Solche sinnentleerten Worthülsen in Kombination mit Forderungen parlamentarischer Nachspiele angesichts einer Tat, die jegliche Vorstellungskraft sprengt, lassen mich trotz wohlig-warmen Büros und Teetasse frieren, als säße ich splitternackt in der Antarktis.
Furioser Diskussionsbeitrag eines Kollegen zu Twitter: “Für so’n Unfug hab ich gar keine Zeit.”. Ein anderer fügt verstohlen gähnend hinzu “…da muss man ja dauernd aktiv sein, wenn das was bringen soll.” und noch einer zischelt: “Das ist doch nicht seriös!”. Die mindestens fünfzehn Ausrufezeichen hinter allen drei Statements polterten lautstark durch das Gespräch.
Immer wieder hübsch, doch, in der Tat: Mit tiefem Ernst und übergroßer Verkopfheit durch’s Leben zu schleichen – unter sicherer Vermeidung von drohenden Gefahren wie Spieltrieb, daraus folgenden Ideen, Gedankenblitzen, Bewegung, Motivation und Freude.
Der klapprige Kleinwagen fährt morgens um halb fünf Schlangenlinien, stoppt unverhofft, im Schritttempo geht es weiter. Drei Kreuzungen später schlägt eine zufällig vorbeikommende Polizeistreife zu: Zur Verblüffung der Herren in Uniform fällt ihnen der Fahrer buchstäblich entgegen und sucht mit schwungvoller Umarmung Halt am Hals eines Beamten, gefolgt von einem reichlich zungenschweren Wortschwall. Er ist sozusagen ein alter Bekannter, der Fahrer des Kleinwagens; bereits einige Stunden zuvor sorgte er für Beschäftigung der Polizeistreife. Dem umnebelten Heimweg ging eine ausgedehnte, krachende Geburtstagsfeier voraus, in deren nächtlichen, lautstarken Verlauf die genervten Nachbarn mit polizeilicher Hilfe für Ruhe vor Hardrock-Beschallung und fröhlich kreischenden weiblichen Gästen (…nachts um zwei!) sorgten. Ein kurzes Nickerchen noch und einen ordentlichen Kaffee, dann hat das Geburtstagskind sich auf den Heimweg gemacht. Unterwegs noch eine Radarfalle “mitgenommen”, das zwar teure und punktebesetzte Limit vor Führerscheinabgabe glatt gesprengt – und das Pusteröhrchen der Polizeistreife hat auch noch satten Restalkohol ausgewiesen. Jetzt ist der Führerschein erst einmal weg.
Kleine Besonderheit am Rande: Der fidele Jubilar ist bereits über neunzig Jahre alt – hui! So und nicht anders möchte ich alt werden. (Und komm mir jetzt bloß keiner moralapostelnd daher mit allen Nickeligkeiten von “Pfui! Alkohol am Steuer!” bis zu “… in diesem Alter tut man sowas nicht mehr!”. Insbesondere letztere Einschätzung gehört in die Mottenkiste der längst überholten Klischees.)
Wenn Verwaltungsräte sich politischen Anfeindungen beugen und Chefredakteure wegen Proporz und Co. ersetzen sollen, wird ein Machtspiel nicht nur zur peinlichen Posse, sondern auch zur gezielten Beschädigung von Intendant und Sender. Politik entpuppt sich als weitgehend kritikunfähige Ranküne, die nur allzu gerne Journalisten und Medien aus der Unabhängigkeit in die Reichweite äußerst machtbewusster Kontrolle befördern würde.
Passt zum Mainstream, passt in Teilen zu einer aberwitzigen, hochgradig widersprüchlichen Rechtsprechung in der Medienbranche, zu Bespitzelungsskandalen und Redaktionsdurchsuchungen à la Cicero, um nur eines der prominenten Beispiele zu nennen. Das Ganze auch noch mitten in einer veritablen Branchenkrise; weit mehr als nur Kratzer im Lack hinterlässt die lautstark und ohne Augenmaß initiierte Debatte üble Flurschäden. Politisches Durchgreifen auf dieser Ebene ist ein Frontalangriff auf unabhängigen, kritischen Journalismus – und damit eine Beschädigung demokratischer Grundprinzipien, die bereits das Bundesverfassungsgericht unter dem Stichwort “Staatsferne” bestätigt hat.
Das unwürdige Gezerre um Nikolaus Brender zeigt in aller Deutlichkeit: Politiker jedweder Couleur haben mitsamt ihrer Eigeninteressen als Aktivisten im Journalismus nichts zu suchen – weder als Bürgschaftsgeber oder Beteiligungsmodell in Medienhäusern und Verlagsanstalten, noch als medienpraxisferne, aber überaus staatsnahe Kontrollinstanz in Aufsichtsgremien, die ausschliesslich eigenem Machtinteresse dient. Politik verspielt auf diesem Weg nur eins: Ihre Glaubwürdigkeit.

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